201607.07
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Ex-Zentralbanker sagt seine Meinung

Mervin King, zur Zeit der Finanzkrise 2007 Gouverneur der Bank of England, hat jetzt seine Erfahrungen und Schlussfolgerungen aus der Krise in einem Buch veröffentlicht. Inzwischen von seinem Amt und der damit verbundenen Zurückhaltung befreit, sagt er in „The End of Alchemy“, so der Titel des Buches, nach fast zehn Jahren klar seine Meinung. Auch die orthodoxe Ökonomie bleibt nicht verschont. Ökonomische Entscheidungen werden seiner heutigen Ansicht nach unter so großer Unsicherheit gefällt, dass auch die Wahrscheinlichkeitsrechnung keine große Hilfe sei. Risiko sei letztendlich nicht quantifizierbar.

Es ist, wenn auch spät, eine weitere Bestätigung aus berufenem Mund, was die Finanzkrise exemplarisch demonstriert hat: Die Risikomodelle der Investmentbranche und die ihnen zugrunde liegenden Theorien funktionieren nicht, oder genauer, nicht für die privaten Anleger. Die Manager der Finanzbranche geben damit ihren Empfehlungen für neue, oft riskante Produkte und Anlagestrategien den Anschein wissenschaftlicher Plausibilität. Gehen die daneben, werden nicht etwa die Theorien als falsch verworfen, sondern gelten auch noch als juristische Rechtfertigung dafür, dass die nötige Sorgfalt angewandt wurde. Tautologie geht vor Empirie.

Während es fraglich ist, ob die Gesamtheit der privaten Anleger durch die Investmenttheorien je einen Euro, Dollar oder Yen mehr verdient hat, zeigt sich am Beispiel der Aktienmärkte, wie wichtig jenseits aller Theorie gesamtwirtschaftliche Faktoren für den langfristigen Anlageerfolg waren (siehe dazu auch unsere neue Studie „Die sozialen Grenzen der Aktienrendite“). Die Aktionäre dürften in den vergangenen Jahrzehnten durch die Zufälligkeiten der Geschichte, personifiziert durch Ronald Reagan (Steuersenkungen), Margaret Thatcher (Schwächung der Gewerkschaften) und Alan Greenspan (Zinssenkungen), mehr verdient haben als durch alle Wirtschaftsnobelpreisträger. Mervin King bestärkt mit seinem lesenswerten Buch Involvestment in seiner Auffassung, dass die Investmenttheorie vor allem eine historische Wissenschaft ist, spezialisiert auf die Analyse von Preisdatenfriedhöfen.